Futurelabs-Interview: Praxiserfahrungen mit
Open Educational Badges

Wie habt ihr OEB kennengelernt?
Eine Kollegin aus unserem Netzwerk hat den Hinweis auf OEB erhalten und kurz darauf an einem „MINTvernetzt“-Webinar teilgenommen, in dem die Plattform vorgestellt wurde. Der dort entstandene Impuls, OEB für unser bereits geplantes Badge-System zu nutzen, floss direkt in die Konzeptionsphase ein.

Was hat euch motiviert, OEB einzusetzen?
Von Beginn an war vorgesehen, dass unser papierbasiertes Badge-System auch digital funktionieren sollte. Da wir grundsätzlich darauf achten, bereits bestehende Strukturen einzubinden, war für uns schnell klar: Wir müssen keine Ressourcen in die Entwicklung investieren, wenn es mit OEB bereits eine erprobte und gut funktionierende Lösung gibt.

Welche Ziele verfolgt ihr mit der Nutzung von Badges?
Viele Jugendliche tun sich schwer, ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen klar zu benennen. Gerade in der Phase rund um den Schulabschluss stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt, und es gilt, eine zentrale Entscheidung zu treffen: für einen Ausbildungsberuf oder ein Studium. Damit sie gelingt, müssen Jugendliche ihre Stärken kennen und ausdrücken können. Häufig klafft dabei eine Lücke zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung: Sie unterschätzen sich oft im Vergleich zu dem, was andere in ihnen sehen. Hier können wir als Betreuende eine wichtige Rolle übernehmen. Durch unsere kontinuierliche Begleitung im Lernprozess erkennen wir Potenziale, die den Jugendlichen selbst vielleicht noch gar nicht bewusst sind. Badges sind dabei ein wirkungsvolles Instrument: Sie machen Lernwege, Erfolge und Kompetenzen sichtbar, geben Feedback zu Fortschritten und fördern die Reflexion über eigene Stärken. Gleichzeitig können Jugendliche selbst aktiv werden und Badges einfordern. So entsteht ein dialogischer Prozess, der die Selbstwahrnehmung stärkt und Orientierung bei der beruflichen Zukunftsentscheidung bietet.

In welchen Kontexten setzt ihr Badges ein?
Unsere Werkstatt steht Jugendlichen ab 12 Jahren kostenfrei und niedrigschwellig zur Verfügung. Hier haben sie die Möglichkeit, eigene Projekte zu realisieren und dabei ihre Interessen und Fähigkeiten zu erproben. Nach einer kurzen Einführung in die Nutzung der Maschinen und Geräte arbeiten die Jugendlichen weitgehend selbstständig. Wir begleiten sie nur bei Bedarf, geben Impulse oder unterstützen punktuell. Dadurch unterscheidet sich unsere Werkstatt von klassischen Angeboten: Es gibt im Regelbetrieb keine festgelegten, abgeschlossenen Workshops. Stattdessen entstehen individuelle Lernwege – so vielfältig wie die Jugendlichen selbst. In diesem offenen Rahmen erwerben die Jugendlichen auf sehr unterschiedliche Weise neue Kompetenzen. Wir beobachten ihre Lernprozesse kontinuierlich und vergeben Badges, wenn wir oder die Jugendlichen selbst der Meinung sind, dass bestimmte Fähigkeiten durch die Arbeit an Projekten sichtbar geworden sind. Auf diese Weise werden Lernfortschritte transparent und wertschätzend dokumentiert. Die Teilnahme am Badge-System ist freiwillig. Sie steht aber allen Jugendlichen zur Verfügung, die regelmäßig zu uns kommen. 

Welche Badge-Typen verwendet ihr?
Unsere Experience Journey bildet den Lernweg der Jugendlichen ab. Jede Stufe entspricht einem Micro-Degree mit klar definierten Kompetenzen. Für jede Stufe haben wir drei Badges entwickelt, die als Voraussetzung dienen. Beispiel: Das erste Badge der Stufe „Member“ wird bereits beim Einstieg vergeben – allein die Entscheidung, Neues auszuprobieren und sich auf eine neue Umgebung einzulassen, zeigt Kompetenzen wie Mut, Offenheit, Kommunikationsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit und Lernbereitschaft.
Neben Kompetenz-Badges gibt es Teilnahme-Badges, z. B. für Veranstaltungen, in denen Jugendliche Berufe kennenlernen oder Methoden wie Design Thinking erproben.

Welche Kompetenzen oder Aktivitäten werden sichtbar gemacht?
Einige Badges beziehen sich auf unsere Community, etwa auf die Umsetzung gemeinschaftlicher Projekte oder das Unterstützen anderer bei Problemen. Andere Badges wiederum stehen im Zusammenhang mit dem Kennenlernen und Kombinieren der verschiedenen Werkstattbereiche. Weitere sind an unsere Werkstatt-Strukturen gebunden, zum Beispiel selbstständiges Arbeiten, regelmäßiges Einloggen oder das Aufräumen nach getaner Arbeit. Auch die Auseinandersetzung mit beruflichen Perspektiven wird über Badges sichtbar gemacht.
Je weiter man auf der Experience Journey voranschreitet, desto spezifischer werden die Anforderungen: So kann etwa die Einbeziehung externen Feedbacks bei der Weiterentwicklung eines Prototyps ein solches Badge darstellen.

Wie erfolgt die Vergabe?
Ein weiterer Bestandteil unserer Transparenz-Strategie ist die analoge Ausstellung der Badges. Die Jugendlichen erhalten eine Karte, auf der die Experience Journey sowie die erworbenen Badges abgebildet sind. Die Karte wird mit Namen und Bild personalisiert. So wird der Lernfortschritt nicht nur für die Jugendlichen selbst, sondern auch für die gesamte Community sichtbar. Für viele kann dies ein zusätzlicher Ansporn sein. Bei Erreichen eines neuen Badges wird dieser mit einem farbigen Sticker auf der Karte markiert, sodass regelmäßig kleine persönliche Erfolge gefeiert werden. Die digitale Vergabe der Badges erfolgt optional – entweder per E-Mail oder über die Anfrage via QR-Code.

Wie habt ihr den Prozess der Badge-Erstellung und -Vergabe organisiert?
Wir haben alle Badges selbst gestaltet und dabei unsere Experience Journey als Grundlage genutzt. Die Vergabe erfolgt im Dialog zwischen Team und Jugendlichen, um Fairness und Transparenz zu sichern.

Welche Herausforderungen traten auf?
Eine Herausforderung war, die Anforderungen so zu formulieren, dass sie einerseits nachvollziehbar, andererseits flexibel genug für unterschiedliche Projekte bleiben. Unterschiedliche Lernzeiten erschweren die Angabe konkreter Zeiträume. Wir arbeiten daher mit Durchschnittswerten.
Gelegentlich hat der KI-Badge-Assistent – wie jede KI – etwas „fantasiert“ und Kompetenzen vorgeschlagen, bei denen wir gefragt haben, welches Stichwort wohl zu diesen Vorschlägen geführt hat. Aber es hat uns gut dabei unterstützt, eine einheitliche Formulierung für die zugrunde liegenden Kompetenzen zu finden und diese so zu gestalten, dass sie dem ESCO-Standard entsprechen. 
Es ist auch eine gewisse Herausforderung, die Jugendlichen von der Registrierung auf einer neuen Plattform zu überzeugen. Auch wenn dies zum Erhalten der Badges nicht nötig ist, sind wir absolut überzeugt vom Nutzen der Plattform und sehen in ihr einen großen Mehrwert für unsere Lernenden. Gerade im Hinblick auf Berufsorientierung und Bewerbungen sind deren Funktionen wie das Kompetenz-Profil und die Sammlung sehr nützlich.

Was hat gut funktioniert?
Die Kombination aus analoger Sichtbarkeit und digitaler Option. Die Badges haben hohen Motivationswert – sowohl durch soziale Anerkennung als auch durch weitere spielerische Elemente, die wir eingebaut haben, wie zum Beispiel unsere Arcade-Station, bei der Badges als „Währung“ für Spielzeit dienen. Unsere Experience Journey in Kombination mit Badges macht Lernwege nachvollziehbar und fördert Selbstreflexion. Der offene Dialog mit den Jugendlichen stärkt zudem Verantwortungsbewusstsein und Eigeninitiative.

Wie reagieren die Lernenden auf die Badges?
Viele nutzen die Badges, um ihren Lernweg zu strukturieren und nächste Schritte zu planen. Wir werden oft darauf angesprochen, wie man so eine Badge-Karte bekommt und Jugendliche mit vielen Badges werden bewundert – das System wirkt also auch als sozialer Anreiz.

Was würdet ihr beim nächsten Einsatz anders machen?
Wir möchten künftig das OEB-Plugin in unserem Community-Login-Board nutzen. Im Rückblick wäre es sinnvoll gewesen, diesen Schritt schon bei der Einführung umzusetzen. Da wir für die technische Integration externe Unterstützung benötigten, hatten wir den Prozess in zwei Phasen aufgeteilt.

Was war für euch besonders hilfreich?
Besonders hilfreich war für uns der persönliche Support vom OEB-Team. Ich kann nur ans Herz legen, die Angebote zur direkten Kontaktaufnahme zu nutzen.

Euer Tipp an andere Organisationen:
Erstellt zunächst Probe-Badges! Auf diese Weise lernt man die Funktionen der Plattform Schritt für Schritt kennen und kann die bestehenden Möglichkeiten direkt bei der Konzeption von Badges berücksichtigen.

* OEB arbeitet mit einem inhaltlichen Standard, dem ESCO-Kompetenz-Standard. ESCO ist die Kompetenz-Taxonomie der EU und enthält 14.000 Skills in 28 Sprachen. Dadurch sprechen unsere Badges alle die gleiche Sprache, sind vergleichbar und anschlussfähig – egal, wo sie erworben worden sind.