Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) vermittelt zentrale Zukunftskompetenzen. Die Lernplattform „Umwelt im Unterricht“ zeigt, wie BNE als Kompetenzrahmen mit OEB sichtbar, vergleichbar und anschlussfähig wird.
Viele Organisationen und Bildungseinrichtungen nutzen gut durchdachte institutionelle Kompetenzrahmen wie beispielsweise vom IQB, Future Skills oder Konzepte der BNE. Und trotzdem bleibt oft eine Frage offen: Wie werden die Kompetenzen, die Lernende erwerben, anschlussfähig über die verschiedenen Lernorte und damit auch über Kompetenzrahmen hinweg? „Umwelt im Unterricht“ (UiU), die Bildungsplattform des Bundesumweltministeriums, hat sich genau dieser Frage gestellt — und gemeinsam mit OEB einen Weg gefunden, der als Blaupause taugt.
„Der europäische ESCO-Standard ist ein genialer Hebel, um BNE-Kompetenzen anschlussfähig zu machen. Man muss die enorme Vielfalt an Kompetenzen für die eigene Praxis nur clever strukturieren. Genau das leistet OEB für uns: Die Verknüpfung von BNE mit dem ESCO-Rahmen gibt uns ein wertvolles Werkzeug für die didaktische Konzeption und zeigt Lehrkräften auf einen Blick, welche zukunftsrelevanten Fähigkeiten sie im Unterricht fördern.“
– Elisabeth Sassi, Projektleiterin „Umwelt im Unterricht“ (UiU)
Von der Theorie ins Handeln: Der Whole Institution Approach
Die Vermittlung der Kompetenzen nach Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) lebt davon, theoretisches Wissen in konkretes Handeln zu übersetzen – sie entfaltet ihre größte Wirkung, wenn sie ganzheitlich gelebt wird. Nicht nur als Theorie im Klassenzimmer, sondern eingebettet in die Strukturen und den Alltag der gesamten Schulgemeinschaft. Dieser Ansatz wird als Whole Institution Approach (WIA) bezeichnet. Für Lehrkräfte ist es im Schulalltag oft eine Herausforderung, nicht nur Fachinhalte weiterzugeben, sondern auch gezielt die gestaltenden Fähigkeiten ihrer Schüler:innen zu fördern. „Umwelt im Unterricht“ stellt genau hierfür kontinuierlich aktuelle und aktivierende Bildungsmaterialien zu Umwelt-, Natur- und Klimaschutz bereit.
Um die dabei gestärkten BNE-Kompetenzen für die Schüler:innen sichtbar und nutzbar zu machen, setzt das Projekt auf die Badge-Plattform OEB. UiU bietet gezielt digitale Zertifikate – Badges – als kompetenzorientierte Nachweise an, damit Lernende ihre gestärkten Kompetenzen dokumentieren und reflektieren können.
UiU arbeitet daran, den Gedanken des Whole Institution Approach in die Gestaltung der Materialien und Badges zu integrieren. Kompetenzen werden nicht isoliert vermittelt, sondern in gemeinschaftlichen Lernprozessen aufgebaut. Ein tolles Beispiel dafür sind die Materialien zu Visionen für grüne Städte. Neben dem eigenständigen Erarbeiten des Themas reflektieren die Lernenden ihre eigene Umgebung und gestalten kreative Ideen für grüne Stadtmöbel. Sie verbinden praktisches Arbeiten im schulischen Umfeld mit genau jenen kollaborativen und gestalterischen Kompetenzen, die anschließend durch Badges sichtbar gemacht werden.

OEB-Badges nutzen neben dem technischen Open-Badge-Standard auch einen inhaltlichen Standard: den europäischen Kompetenzrahmen ESCO. Er enthält 14.000, mit Berufsbildern verknüpfte Kompetenz-Definitionen. Durch die inhaltliche ESCO-Standardisierung sprechen OEB-Badges alle die gleiche „Sprache” – egal, wo sie erworben worden sind. Kompetenzerwerb kann so über verschiedene Lernangebote hinweg anschlussfähig beschrieben werden. Für Projektleiterin Elisabeth Sassi stellte sich also eine zentrale Frage: „Wie können wir die BNE-Kompetenzen in standardisierte Metadaten (ESCO) übersetzen, so dass sie Orientierung geben und die Nutzung von BNE-Inhalten erleichtern und verbessern?”
Das Fundament: Vom Rahmen zum Standard
„Umwelt im Unterricht“ bietet klar strukturierte Unterrichtsmodule, die Lehrkräften erprobte Methoden und Materialien an die Hand geben. Am Ende einer solchen Lerneinheit steht ein digitaler Kompetenz-Badge, der an die Lernenden vergeben werden kann. Statt auf Fachkompetenzen fokussiert sich UiU dabei konsequent auf das Ausweisen und Dokumentieren der zwölf BNE-Gestaltungskompetenzen nach Gerhard de Haan. Da die ESCO-Datenbank sehr umfangreich ist, stand das Team vor einer logistischen und konzeptionellen Herausforderung: Ein kompakter, überschaubarer Rahmen musste her, der Lehrkräften Orientierung bietet und gleichzeitig mit dem europäischen Standard abgebildet werden kann. „Wichtig sind uns hier die Bedarfe der Lehrkräfte, die wir unterstützen wollen: Wie kann ich BNE-Kompetenzen gezielt fördern? Welche Materialien können hier passen?“, so Elisabeth Sassi.
Pädagogisch tiefgehende BNE-Aspekte lassen sich durch die kurzen, standardisierten ESCO-Kompetenzen selten eins zu eins abbilden. Die Kunst liegt in der bewussten Reduktion und Übersetzung. Das lohnt sich, denn für Lernende entsteht dadurch ein großer Mehrwert: Werden Lernangebote mit ESCO-Kompetenzen verknüpft und als Badges im persönlichen OEB-Rucksack gesammelt, entsteht ein stetig wachsendes, dynamisches Entwicklungsbild:

- Systematischer Aufbau: Kompetenzen bauen Schritt für Schritt aufeinander auf und erweitern das individuelle Kompetenzprofil kontinuierlich.
- Flexibles Mapping: Die ESCO-Kompetenzen lassen sich auf individuelle und kontextuell relevante Kompetenzmodelle wie BNE oder Future Skills (z. B. nach dem NextSkills-Framework) mappen, wie im gezeigten Beispiel zu sehen ist.
- Zukunftsorientierung: Die Bündelung im Rucksack schafft nicht nur Sichtbarkeit, sondern bietet konkrete Orientierung und Anschlussmöglichkeiten für den weiteren Bildungs- und Berufsweg.
Das Mapping in der Praxis: Ein konkretes Beispiel
Wie bekommt man so eine Übersetzung, ein “Mapping”, von unterschiedlichen Kompetenzrahmen hin? Einerseits kann der KI-Assistent von OEB als direkte Unterstützung genutzt werden, da er zu bestehenden Lerninhalten passende ESCO-Kompetenzen vorschlägt und so die Zuordnung deutlich beschleunigt. Gleichzeitig lohnt sich der Blick in die ESCO-Struktur selbst, da hier die übergeordneten Kategorien und die Beziehungen zwischen einzelnen Kompetenzen sichtbar werden. Über die Navigation im System lässt sich nachvollziehen, welche Fähigkeiten inhaltlich zusammenhängen, sich ergänzen oder in einem ähnlichen Kontext stehen. Dadurch entsteht ein besseres Verständnis für angrenzende Kompetenzfelder, die bei der Modellierung oder Erweiterung von Lernangeboten zusätzlich relevant sein können.

Um den BNE-Rahmen greifbar zu machen, durchforstete das UiU-Team die ESCO-Datenbank so nach passenden Äquivalenten: „Wir haben uns zunächst den Gestaltungskompetenz-Rahmen mit all seinen ausführlichen Erläuterungen vorgenommen. Anschließend sind wir tief in die große ESCO-Datenbank eingetaucht, um die passenden Entsprechungen zu finden. Es ist ein intensiver Prozess, aber wir kommen unserem Ziel näher.” Begleitend dazu lieferte die initiale Beratung durch das OEB-Team wertvolle Orientierung bei der Übersetzung des BNE-Rahmens in die ESCO-Systematik und half dabei, den Prozess von Beginn an auf eine tragfähige Grundlage zu stellen.
BNE-Kompetenzen dienen als Navigationshilfe und erhalten auf „Umwelt im Unterricht” Sichtbarkeit. Am Beispiel der ersten BNE-Kompetenz wird deutlich, wie dieser Übersetzungsprozess aussieht:
| BNE-Kompetenz (nach de Haan) | Ausführliche Erläuterung | Zugeordnete ESCO-Kompetenzen |
|---|---|---|
| Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Wissen aufbauen | Die Schüler*innen beschreiben und beurteilen Vielfalt und Verschiedenheit (Diversität) im kulturellen und ökologischen Bereich. | – unvoreingenommen bleiben – ganzheitlich denken – abstrakt denken – analytisch denken |
Die Zuordnung zu ESCO dient dabei nicht nur der inhaltlichen Strukturierung. Sie sorgt dafür, dass Kompetenzen aus unterschiedlichen Lernangeboten auf einer gemeinsamen Grundlage beschrieben werden können. Dadurch wird sichtbar, welche Fähigkeiten Lernende bereits mehrfach gestärkt haben und welche Entwicklungsschwerpunkte sich über die Zeit herausbilden.
Obwohl die ESCO-Begriffe die Vielfalt von BNE nicht in jeder Nuance abbilden können, bietet dieser Ansatz einen entscheidenden Vorteil: Das Mapping schafft Klarheit. Es hilft dem UiU-Team bei der didaktischen Konzeption neuer Inhalte und gibt Lehrkräften auf einen Blick die Gewissheit, welche zukunftsrelevanten Fähigkeiten sie im Unterricht adressieren.
Vergabe-Logik: Flexibel für Lehrkräfte gestaltet
Da die Schülerinnen und Schüler die Materialien auf „Umwelt im Unterricht“ nicht direkt digital bearbeiten, hat das Projekt ein dezentrales Vergabesystem etabliert. Die Badges sind im OEB-Profil von UiU so angelegt, dass Schulen, Institutionen oder einzelne Lehrkräfte sie unkompliziert kopieren können. Nach der Durchführung der Lerneinheit in der Klasse vergeben die Lehrkräfte die Badges eigenständig an die teilnehmenden Schüler:innen.

Vom Badge zum Lernpfad: Micro Degrees für thematische Lernreisen
Einzelne Badges lassen sich auf OEB zu einem Lernpfad bündeln, an dessen Ende der übergeordnete Abschluss-Badge Micro Degree steht. Dieser wird automatisch vom System vergeben, sobald Lernende alle im Lernpfad enthaltenen Badges erworben haben. Erprobt wird dies aktuell anhand eines ersten Micro Degree BNE, der aus drei sich inhaltlich ergänzenden Kursen besteht. Die Lerneinheiten funktionieren unabhängig voneinander.
Kurs 1: Ökosysteme verstehen
Lernpfad: Wer lebt in der Antarktis?
Die Schüler:innen entdecken ein faszinierendes, schützenswertes Ökosystem und entwickeln ein Bewusstsein für globale ökologische Kreisläufe.
Kurs 2: Unsichtbare Bedrohungen erkennen
Lernpfad: Wie Chemikalien Tieren schaden
Der Pfad knüpft an die Erkenntnisse aus der Antarktis an und untersucht, wie sich diese Gifte über marine Nahrungsketten anreichern.
Kurs 3: Den Kreis zum eigenen Alltag schließen
Lernpfad: Was hat mein Essen mit Umwelt und Klima zu tun?
Es wird aufgezeigt, wie unsere eigene Nahrungsmittelproduktion über Landwirtschaft und CO₂-intensive Lieferketten weltweit in diese sensiblen ökologischen Kreisläufe und das Klima eingreift.
Der Micro Degree bündelt die Einzelschritte zu einem aussagekräftigen digitalen Nachweis. In der Kombination entwickeln die Schüler:innen Kompetenzen wie das Wecken von Begeisterung für die Natur, kritisches und kreatives Denken, das Arbeiten in Teams sowie ganzheitliches Denken. Damit werden über die Kurse hinweg folgende BNE-Kompetenzen angesprochen:
01 | Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Wissen aufbauen
02 | Vorausschauend denken und handeln
03 | Interdisziplinär Erkenntnisse gewinnen
06 | An Entscheidungsprozessen partizipieren können
08 | Zielkonflikte bei der Reflexion über Handlungsstrategien berücksichtigen können
09 | Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren können

Fazit: So gelingt der Transfer in die Praxis
Die Erfahrungen von „Umwelt im Unterricht“ zeigen: Der Transfer eines bestehenden Kompetenzrahmens wie BNE in ESCO-basierte, standardisierte Badges ist kein rein technischer Schritt, sondern konzeptionelle Arbeit mit direktem Mehrwert. Er verbessert die Anschlussfähigkeit zwischen Bildungsangeboten und macht Lernergebnisse für Lernende wie Institutionen transparenter und nutzbarer. Zwei Punkte sind für die Praxis zentral:
Mut zu neuen Wegen: Nicht alles lässt sich 1:1 in bestehende Standards übertragen, und nicht jede Lösung ist von Anfang an perfekt. Entscheidend ist eine pragmatische Übersetzung, die Brücken baut – indem sie Klarheit schafft, Vergleichbarkeit ermöglicht und Kompetenzen organisationsübergreifend sichtbar und anschlussfähig macht.
In Curricula denken: Micro Degrees bieten die Möglichkeit, einzelne Badges als zusammenhängende Lernpfade zu strukturieren. Dadurch lassen sich eigene Kompetenzrahmen vollständiger und kohärenter abbilden – fachliche Logiken und didaktische Intentionen bleiben sichtbar, während gleichzeitig die Anschlussfähigkeit gestärkt wird.
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